Es gibt unendlich viele Meinungsäßerungen zum Thema und der eine oder andere Beitrag hat versucht messbare Merkmale ins Feld zu führen um einen objektiven Vergleich zu suggerieren, während anderen Beiträgen die Subjektivität aus jedem Satz tropfte. Anders als in meinem Teaser-Bild ist es aber nicht der eine sportliche Wettkampf sondern ein Mehrkampf mit unendlich vielen Disziplinen, die auf unterschiedlichen Plätzen wiederholt, sehr unterschiedliche Ergebnisse haben, die einen Monat später auf dem selben Platz auch wieder anders ausgehen können.
Ich möchte nun versuchen meine Meinung dazu in Worte zu fassen und mit Beispielen zu untermalen. Auch ich habe meine subjektiven Erfahrungen und Vorlieben, aber vielleicht können meine Gedanken dabei helfen dir eine eigene Meinung zu bilden und im besten Fall eine gute Lösung für immer genau einen Anwendungsfall zu finden. Jede Aufgabe die ein Computer erledigen soll erfordert nämlich diese Abwägung erneut durchzuführen und bereits der Computer selbst verändert die Grundlagen.
Der offensichtlichste Reibungspunkt ist die Harware auf dem das Betriebssystem laufen soll. Wird ein neues Gerät angeschafft, kann man es (auch) danach aussuchen ob das gewünschte Betriebssystem vom Hersteller für genau dieses Gerät unterstützt wird (Treiber und Hilfsprogramme). Ist aber der Computer bereits vorhanden, wird es komplizierter. Mir fällt kein Fall mit eigegen Erfahrungen ein, indem ein für Linux entwickeltes Gerät mit Windows betrieben werden sollte, aber grundsätzlich sind die Probleme ähnlich, bis auf einen Punkt, den ich am Ende thematisieren möchte. Ich habe aber zwei Beispiele, die je ein mögliches und ein beinahe unmögliches Szenario aufspannen.
Der Fall wurde an mich herangetragen: Ein uralter, geschenkter PC (Windows 7 mit Microsoft Office) hat das zeitliche gesegnet, man konnte aber einen bis dahin als Windows Terminalserver genutzten Big Tower vom Arbeitgeber abstauben. Nicht Windows 11 tauglich und ohne Betriebssystem. Mein Einwand, dass Windows 10 zwar möglich wäre, aber bereits keine Sicherheitspatches mehr erhalten und so ein denkbar einfaches Ziel für Viren und Würmer darstellen würde, mit dem Hinweis auf nicht unerhebliche Kosten für Windows und Office Lizenz, ließ ein Linux zumindest möglich erscheinen. Aber ich schweife ab...
Es ist keine große Herausforderung einen ehemaligen Windows Server aus Desktop Komponenten (Prozessor und Mainboard) mit Linux zu bespielen. Ein Live Linux lässt zudem den späteren Anwender unkompliziert das System ausprobieren bevor irgendetwas am Computer geändert wird - selbst wenn sich darauf ein noch funktionales Windows befände. Das LibreOffice Calc ausprobiert werden konnte hat in meinem Fall das Eis gebrochen. Die Linux Mint Installation war in kürzester Zeit abgeschlossen, wobei das LibreOffice bereits enthalten ist, was viel Zeit im Vergleich zu Windows und Microsoft Office (oder LibreOffice) spart. Alle Hardware Komponenten wurden erkannt und automatisch in Betrieb genommen. Als ich nach 2-3 Wochen noch nichts gehört hatte, fragte aich nach wie sich das Linux und das LibreOffice denn machen würde: keine Beschwerden!
Vor ein paar Jahren habe ich mir ein Gaming-Notebook zugelegt. Nun sollte das zunächst einmal eine Linux Mint Installation im Dual-Boot bekommen um dann nach und nach die Anwendungen mit ihren Daten umzuziehen oder falls das nicht möglich wäre neue Software als Ersatz ausprobiert werden. Ich könnte ja jederzeit auch Windows booten - das ist noch Windows 11 tauglich, ich müsste also nicht unbedingt umstellen - ich will. Dank Ubuntu Unterbau bringt Linux Mint auch dessen Treibermanager mit und so konnte ich mit wenigen Klicks auch einen passenden NVidia Treiber für die dedizierte Grafikkarte installieren. Tatsächlich funktionierte scheinbar zunächst auch das Umschalten zwischen interner AMD Grafik mit der dedizierten NVidia Grafik. Bis mich, nach ein paar Stunden, eigensinnige "Ruckler" zu einer Fehlersuche animierten. Anwendugen machten nach dem Starten unerklärliche Denkpausen und der Wechsel von Verzeichnissen im Dateimanager fror die Aktualisierung der Ansicht sekundenlang ein. In den Logs war aber nichts ungewöhnliches auszumachen. Der Austausch des NVidia Treibers gegen den Nouveau Treiber änderte das Verhalten aber schlagartig - ich weiß nur nicht warum. Anschließend bot mir der Treiber Manager prompt einen neueren NVidia Treiber an als den zuvor als "empfohlen" markierten. Da hatte ich dann aber keine Lust mehr auf Experimente.
Für Eingeweihte: Es handelt sich um ein Acer Nitro 5 Notebook! Für weniger Eingeweihte: Acer bietet keinerlei Unterstützung für irgendein Betriebssystem das nicht Windows heißt. Für die Tastaturbeleuchtung musste ich erst einmal recherchieren und am Ende einige Skripte von GitHub organisieren. Ähnliches gilt auch für die Logitech Maus, die zwar als Eingabegerät erkannt wird, mich ohne passende Unterstützung aber gerne durch einen leeren Akku überrascht wenn ich das gerade nicht gebrauchen kann. Selbst mit dem Solaar Paket habe ich noch Probleme das Scrollrad in den Griff zu bekommen, die Warnung vor geringem Akkustand bekomme ich damit allerdings. Und so ging es bei vielen Kleinigkeiten weiter, keine große Sache, aber sehr aufwändig - immer wieder basteln zu müssen, bei Dingen die zuvor einfach funktionierten.
Neben den Treibergeschichten habe ich aber auch mit einigen Anwendungen gekämpft. Teils gibt es einfache Lösungen wie Bottles um z.B. das GOG Galaxy zum Laufen zu bekommen. Anderes war überraschend frustierend: hatte ich doch damit gerechnet das seit Jahren genutzte Outlook gegen Thunderbird austauschen zu können. Nun habe ich aber eine eigensinnige Netzwerkinstallation, bei der Outlook seine Datendateien nicht lokal vorhält, sondern über eine Freigabe erhält. So kann ich von unterschiedlichen Geräten auf die selben Postfächer zugreifen, obwohl viele davon als POP3 Konten konfiguriert, die Mails nicht auf dem Server belassen. Das funktioniert aber mit Thunderbird nicht, selbst wenn das selbe Profilverzeichnis genutzt wird und dabei wäre der doch predästiniert zwischen Windows Desktop und Linux Notebook zu vermitteln?! Also doch bei Outlook bleiben. Aber auch dafür hat die Gemeinschaft eine Lösung und die nennt sich WinBoat - Eine Windows-Installation in einem Docker Container. Das funktioniert recht gut. Dank FreeRDP mit seamless Apps fügt sich ein so installiertes Outlook wie eine native Linux Anwendung in den Desktop ein. Allerdings benötigt man eine eigene Windows Lizenz, da es sich dabei eigentlich um eine virtuelle Installation handelt, die auch aktiviert werden will. Langsam wird es fragwürdig..
Nach zwei Tagen eingehender Tests, bei denen eigentlich alles recht gut funktionierte fiel mir auf, dass sich die Unterseite den Notebooks ungemütlich erwärmte obwohl sich das Gerät nicht wirklich anstrengen musste; ich war ja noch am Basteln. Ich hatte zwar durch Conky die CPU Temperaturanzeige auf dem Desktop, installierte aber vorsichtshalber noch das lm_sensors Paket um Klarheit zu schaffen. Leider habe ich keine Möglichkeit gefunden an die Lüftersteuerung des Notebooks zu gelangen. Das Gerät hätte keine PWM geregelten Lüfter - das weiß ich besser.
Es gibt für Alles eine Lösung. Fraglich ob der Aufwand gerechtfertigt werden kann oder die gefundene Lösung den Anforderungen seines Benutzers entspricht. Selbst eine Adobe Lightroom Installation lässt sich mit WinBoat in den Linux Desktop integrieren. Auf Bootles habe ich weiter oben ja auch bereits verwiesen. KVM kann virtuelle Maschinen bereitstellen und neben Docker gibt es auch noch Lxc Container für einfach zu wartende Dienste. Für Spiele die auf Windows Basis entwickelt wurden gibt es dank Valve mit seinem Steamdeck und der dafür entwickelten Proton Software, längst eine Lösung die einige Spiele gar performanter als unter Windows ausführen kann, ganz ohne gebastel - es ist aber nicht jedes Spiel kompatibel. Für Windows auf der anderen Seite, gibt es eine unüberschaubare Vielfalt an Anwendungen. Das Problem ist eher die Spreu vom Weizen zu trennen.
Welches ist jetzt das bessere Betriebssystem? Nun, es kommt darauf an... Es gibt nicht die Eier legende Wollmilchsau. Zunächst muss man ganz grundlegende Fragen klären:
Es gibt noch weitere Fragen, wichtiger finde ich aber darüber nachzudenken ob die Antworten der bis dahin gestellten Fragen neue aufwerfen. Dazu kommen dann ganz einfache Überlegungen wie im ersten Beispiel die Kosten zusätzlich benötigter Lizenzen und ob nicht eine Open Source Lösung die selben Anforderungen erfüllen würde. Bei einer gewünschten Migration könnte noch unter Windows z.B. ein LibreOffice neben eine bestehende Microsoft Office Version installiert werden, denn mitunter sind es nicht die Anforderungen, welche eine Migration erschweren, sondern das Widerstreben etwas zu verändern. Das Ausprobieren in gewohnter Umgebung kann da Wunder wirken.
Aus dem Beispiel mit meinem eigenen Notebook lässt sich noch ein weiteres Problem ablesen. Selbst wenn die Hardware gut unterstützt wird, können die Lösungen um bestimmte Software in Betrieb zu halten sehr viele Ressourcen benötigen. Jeder zusätzliche Container und besonders jede virtuelle Maschine die im Hintergrund läuft, verbraucht mehr Speicher und CPU Zeit als eine nativ laufende Anwendung. Habe ich die benötigten Ressourcen oder kann ich sie aufrüsten und stehen die Kosten einer Aufrüstung im Verhältnis zum angestrebten Nutzen? Verschaffen Lösungen wie diese evtl. eine unwartbare Komplexität? Wie lassen sich die Container und VMs sichern und wie einfach ist das am Ende? Lässt sich das automatisieren?
Wenn eine Anforderung nicht erfüllt werden kann, ist es vielleicht einfach die falsche Distribution? 😈
Auch wenn ich grundsätzlich offene Software immer vorziehe, bin ich zu dem Schluß gekommen, dass es das bessere Betriebssystem nicht gibt. Es gibt immer nur die Abwägung welche Lösung besser die gestellten Anforderungen abdeckt. Wichtig ist vor jeder Änderung die richtigen Fragen zu stellen und sich nicht zu scheuen einmal getroffene Entscheidungen zu revidieren wenn es neue Antworten gibt! Sage mir deine Meinung zum Thema gerne im Fediverse.